Sonntag, 19. Juni 2016

Meine Eiweiß-Odyssee

Hier ist sie nun, die Geschichte meiner Eiweiß-Odyssee. Und sie ist noch nicht zu Ende. 

Warum bin ich so auf das Eiweiß (oder Protein) fixiert? Ich soll davon ca. 60-80 Gramm am Tag zu mir nehmen. Und zwar deshalb, damit sich der Körper beim Abnehmen an den Fettreserven bedient und nicht an der Muskulatur. Das wäre fatal. Es wird eh schon alles weich und nachgiebig, da muss ich ja nun nicht noch nachhelfen. 

Es gibt da nur zwei Probleme: 

  1. Mein Magen hat nur noch ein Volumen von 150 ml. Das heisst, wenn er sich fertig entfaltet hat, das ist ca. 6 Monate nach der OP. Im Moment esse ich Portionsgrößen von ca. 100 Gramm 
  2. Selbst in eiweißreicher Nahrung wie Fisch oder Fleisch kommen nur ca. 20 Gramm Eiweiß auf 100 Gramm Lebensmittel. 
Jetzt kann man sich also ausrechnen, dass ich  täglich z.B. 300 Gramm Fisch zu mir nehmen muss, um auf die Mindestmenge von 60 Gramm zu kommen. Ich mag Fisch, aber mal ehrlich: jeden Tag, morgens, mittags und abends? 

Und das zu Beginn noch flüssig? Nein danke! 

Also bleibt nur eines: Nahrungsergänzungsmittel, sprich Eiweißpulver. Das wurde mir schon in den Vorgesprächen und auch in der Klinik zum Anreichern empfohlen. 


Die Qual der Wahl


Habt Ihr eine Ahnung, wieviele Sorten Eiweißpulver es da draussen auf dem Markt gibt? Mir wurde gesagt, ich kann einfach ein handelsübliches geschmacksneutrales nehmen. Also habe ich mir bei dm deren Sorte geholt. 

Eines vorweg: wenn Ihr jemals Eiweißpulver benötigt, nehmt nicht das von dm. Das ist ekelhaft!! Tut mir leid dm, ich bin sonst ein großer Fan von Euch, aber was wahr ist, muss auch wahr bleiben. 
Was die unter "geschmacksneutral" verstehen ist eine Beleidigung für sämtliche Geschmacksknospen.

Es geht schon los, wenn man die Dose aufmacht. Das Zeug sieht aus wie gemahlene Pappe: grau-braun-beige. 
Auch der Geruchstest ergibt: feuchte Pappe. Das lässt nicht viel für den Geschmackstest hoffen, denn Nase und Auge essen ja bekanntlich mit. 

Also rührte ich das in meine flüssige Gemüsesuppe und was soll ich sagen? Die Suppe wurde breiig. Kennt Ihr das, wenn Ihr Babybrei anrührt und der immer dicker und dicker wird? So war das mit dem Pulver. Vom Geschmack her war das nicht zu ertragen. Ich stand würgenderweise in der Küche und habe mir nur gedacht "Das ertrage ich nicht für den Rest meines Lebens!". 

Noch in der Klinik hatte ich mir bei FitForMe, einem Unternehmen, dass sich auf Nahrungsergänzungsmittel für Adipositas-Patienten spezialisiert hat, eine Produktprobe bestellt. 

Die lieferten mir also nach einer Woche 2 Versionen von deren Eiweißpulver: geschmacksneutral und Vanille. 

Als erstes der Test mit dem geschmacksneutralen: Tüte aufgerissen, immerhin ist das Zeug schon mal beige und der Geruch hielt sich in Grenzen. Ein bis hierhin viel besseres Erlebnis als das dm Zeugs. Und der Geschmack? Naja, geschmacksNEUTRAL ist anders, aber es lässt sich essen. 

Dann der Test mit der Vanillesorte. Da kam der Vorschlag, das doch als Shake in Milch zu trinken. Prima, habe ich mir gedacht, Shakes gingen in der Vorbereitung ganz gut, das sollte funktionieren. Und mit so einer Portion hätte ich immerhin schon mal die Hälfte meiner Mindestmenge intus. Gedacht, getan. Die Probepackung in ein Glas Milch eingerührt und den ersten Schluck genommen. 

Igitt, was ist das denn?? Wenn ich nicht so gut erzogen wäre, hätte ich das sofort wieder ausgespuckt. Ist das süß!!! Und nicht Vanillepudding oder Vanilleeis süß, sondern Zuckerwasser süß! 
Ich habe dann etwas mehr Milch aufgegossen, das ging. Jedenfalls die ersten drei Schlucke, dann wurde auch dieser Plan C abgebrochen. 

So langsam gingen mir die Alternativen aus! 

Seitdem rühre ich also fast jede Mahlzeit mit dem "geschmacksneutralen" Eiweißpulver von FitForMe an. Es gibt bessere und schlechtere Tage, was den Geschmack angeht, aber es lässt sich generell ertragen. 
Nur echt jetzt: ertragen? Den Rest meines Lebens? Da muss es doch etwas besseres geben. 

Bei meinem monatlichen check-up in der Klinik sprach ich das Problem an und meine Chirurgin gab mir eine Probe von Adozan mit, darauf würden die Mitglieder der Selbsthilfegruppe dort schwören. Sie gab mir den Tipp, das in meinen Kaffee einzurühren. Die Portionspäckchen sind 10 Gramm Eiweiß. Wenn das funktioniert, dann wäre das eine einfache Art, mein Ziel von 60-80  Gramm zu erreichen. 

Der Sehtest ergab schon mal, dass das ein ganz feines, weißes Pulver ist. Der Geruchstest ergab gar nichts. Wirklich! Es riecht nach nichts! Und der Geschmackstest? Auch der ergab im Milchkaffee nichts. Ich schmeckte es wirklich überhaupt nicht heraus. 

Bevor ich jetzt aber wieder gleich eine Packung bestelle, habe ich wieder die Möglichkeit genutzt, mir auf der Homepage von Adozan ein Probenpaket zu bestellen. Erst nachdem auch der zweite und dritte und vierte Test mit verschiedenen Lebensmitteln geschmacksneutral blieb, habe ich mir meinen Vorrat bestellt. Und jetzt warte ich :) 

Andere Eiweißlieferanten? Quark, Quark, Quark und erwähnte ich Quark? Fisch geht auch, jedenfalls manchmal. Eier auch. Fleisch geht nicht, da verbringe ich zu viel Zeit im Bad. Feta- und Ziegenkäse wird gerade getestet. Hülsenfrüchte gehen nicht, die darf ich wegen der blähenden Wirkung nicht essen. 

Wie gesagt, meine Odyssee ist noch nicht zu Ende und wenn Plan D jetzt auch nicht funktioniert, dann muss ich mir etwas ganz anderes einfallen lassen... ich werde berichten. 

Montag, 13. Juni 2016

Was ist eigentlich so ein Magenbypass?

Ich weiss, ich hatte gesagt, als nächstes erzähle ich Euch von meiner Eiweiß-Odysee, aber seitdem ich den Blog gestartet habe, habe ich so häufig die Frage bekommen "Magenbypass, das ist ein Magenband, oder? 

Deswegen ziehe ich diesen Blogpost einfach mal vor. 

Nein, ein Magenbypass ist nicht das mit dem Magenband. Bei einem Magenbypass wird der Magen geteilt. Es wird ein Minimagen, genannt Magen-Pouch mit 150-200ml Volumen gebildet und daneben dann der Restmagen, der im Körper verbleibt. Denn der wird gebraucht, um die Magensäure zur Verdauung zu bilden. 

Dann wird vom originalen Magenausgang ein Stück vom Dünndarm hoch zur Magen-Pouch gezogen. Dieser Dünndarm wird dann wieder mit dem "alten" verbunden, dort treffen sich dann Nahrung und Magensäure zur Verdauung. 

Klingt kompliziert? Keine Bange, das liegt an meinen Erklärversuchen. Hier ist ein tolles Video, welches auch in den Aufklärungsgesprächen genutzt wird: 




Diese Operation ist nicht reversibel. Jedenfalls nicht, wenn alles nach Plan geht. Der Magen bleibt jetzt so. 

Das bedeutet für mich, ich esse nur noch Minimengen, da meine Magen-Pouch nur noch ein Volumen von 150 ml hat. Das heisst, wenn er sich denn nach ca 6 Monaten total entknittert hat. 

Dazu kommt noch folgendes: da die Nährstoffe direkt im Dünndarm aufgenommen werden und der jetzt verkürzt ist, nehme z.B. Zucker und Alkohol viel schneller auf als vorher. 

Zur Zeit besteht absolutes Alkoholverbot, aber selbst wenn ich nach einem Jahr wieder darf, wird mir ca. ein Viertel der vorherigen Menge reichen, um angeschickert zu werden. Also keine "Saufgelage" mehr :) 

Samstag, 11. Juni 2016

Die Woche im Krankenhaus

Nach zwei Tagen weilte ich also wieder unter den Lebenden. Die Nierenschalen standen zwar noch immer auf meinem Nachtschrank, aber sie wurden nur noch sporadisch benutzt.
Dafür wachte ich am dritten Morgen in meinem blutbefleckten Krankenhaushemdchen auf. 

Was war passiert? 


Meine Narben suppten nach. Insbesondere die Drainagewunde. Ich sah aus, als hätte ich in einem Horrorfilm mitgespielt. Bettlaken und Klamotten durchgeblutet.. na lecker. 
Aber als mir meine Chirurgin dann erklärte, dass bei der Drainagewunde kein Blut sondern verflüssigtes Fett (wie bei einer Fettabsaugung) rauslaufen würde, hätte ich davon gerne noch mehr gesehen. Was immer rauskleckert.. damit muss ich mich dann nicht rumschlagen. 

Ansonsten verlief der Krankenhausaufenthalt recht unspektakulär. Am zweiten Tag durfte ich 4x50 ml Wasser zu mir nehmen. Dazu hing ich noch am Tropf. Eigentlich lief mir immer irgend ein Zeug in den Arm. 

Und die 4x50 ml kosteten Überwindung. Es ging nur in Minischlucken. Ich musste mich wahrlich zwingen. Jeden Tag kam meine Mama zu Besuch und wir gingen hoch ins Café, wobei ich mich an meinem Wasserbecher festhielt. Sie ließ mich nicht wieder runter, bevor der Becher nicht leer war. 50 ml wohlgemerkt, dafür habe ich ca. 1 Stunde gebraucht!

Am nächsten Tag dann die Steigerung auf 4x100 ml. Die größere Menge machte es nicht einfacher, das Wasser zu mir zu nehmen. Und dazu gab es dann noch Flüssignahrung, passierte Gemüsesuppe und Joghurt.  

Also vom Joghurt habe ich gleich Magenkrämpfe bekommen und von der Suppe habe ich vielleicht 3 Esslöffel zu mir genommen, dann reicht es schon wieder. 

Ich wäre gerne länger am Tropf geblieben, wenn ich dafür nicht hätte essen müssen! 

Da konnte ich mich für die kommenden 4-6 Monate auf etwas einstellen. Aber ein Zurück gab es nicht, von daher muss ich da nun durch. 

Ich durfte das Krankenhaus nicht verlassen, bevor ich nicht 1 Liter Wasser am Tag bei mir behalten konnte. Die Aussage der Chirurgin war sehr deutlich: "Wenn Sie nicht essen mögen, dann lassen Sie es. Solange Sie genügend trinken und Ihre Nahrungsergänzungen nehmen, ist alles prima. Kein Mensch verhungert in zwei Wochen."

Und die Ansage gilt übrigens noch heute, knapp 2 Monate nach der Operation. Denn ich bin noch immer in der Umstellungsphase von flüssig zu breiig zu fest. 

Am Montag nach meiner Operation ging es dann nach Hause.  Und als nächstes erzähle ich Euch von meiner Eiweiß-Odyssee. 

Donnerstag, 9. Juni 2016

Ich muss bestimmt sterben.....

Am Montag, 18. April 2016 war es dann also so weit, ich wurde für meine Operation stationär im Krankenhaus Nordwest in Frankfurt aufgenommen.

Meine Mama war am Sonnabend zur moralischen Unterstützung aus Lübeck gekommen und begleitete ihr "Baby" ins Krankenhaus. Ja, ich kann wohl auch 80 werden. Wenn meine Mama noch am Leben ist, bin ich auch dann noch das Baby.
Es folgte ein ganzer Schwung an Voruntersuchungen: Magenspiegelung (wobei dann gleich noch ein Heliobakter festgestellt wurde, aber um den kümmern wir uns nach der OP), Ultraschall von eigentlich allem, EKG, Lungenfunktionstest - habe ich etwas vergessen? Nein, ich glaube, das war es.
Dazwischen dann die Aufnahme, denn der administrative und organisatorische Kram darf natürlich nicht vergessen werden.

Leider wurde die Magenspiegelung als letzes gemacht, am frühen Nachmittag. Ich hatte also mal wieder Hunger und Durst. Und vor der Untersuchung hatte ich auch wirklich Respekt. Weiss gar nicht, wieso. Davon merkt man ja gar nichts und die Wartezeit auf dem Flur war länger als die Untersuchung selbst.

Und endlich durfte ich auch wieder trinken. Es gab also stilles Wasser und Instantbrühe aus dem Glas.  Besser als nichts.

Dienstag Morgen dann der schon beschriebene Weg in den OP. Gerade noch erzählt und alles wurde schwarz.
Meine nächste Erinnerung? Naja, wenn man den benebelten Zustand im Aufwachraum "bewusste Erinnerung" nennen darf. Auf alle Fälle war es das dringende Bedürfnis nach einer Nierenschale, denn mir war übel.

Entschuldigung, ab hier wird's unappetitlich :)


Ich bitte um Entschuldigung, das ist kein nettes Thema, aber es war so. Es ist erstaunlich zu welchen Reflexen der Körper fähig ist. Ich wachte auf, nur um irgendwie "mir ist schlecht" zu lallen und schon ging es los.

Und was soll ich sagen, es hörte die nächsten beiden Tage nicht  mehr auf. Ich plünderte die Vorräte im Equipment-Schrank im Krankenzimmer und übergab mich ohne Vorwarnung. Naja, wass bedeutet schon "übergeben", wenn man nichts zu sich nimmt und die Verbindung zur Magensäure auch gekappt ist? Es war eigentlich nur blutiger Schaum. Moment mal, ich spucke Blut?? Das kennt man doch nur von TBC-Horrorgeschichten. Nein, ich hatte kein TBC  - natürlich nicht.

Meine Chirurgin erklärte mir, dass es bei der OP zu Einblutungen in den Magen kam. Und wenn im Körper Blut an Orten auftaucht, wo es nicht hingehört, dann gilt das als Fremdkörper und es gibt nur eine Devise: raus damit, egal wie! Und der kürzeste Weg vom Magen raus, ist nunmal nach oben.
Ich saß also mit meiner Nierenschale unterm Kinn festgeklemmt in meinem Bett und würgte vor mich hin.

Das ewige Brechen war mir so unangenehm, dass ich mich ständig entschuldigte: bei Schwestern und Pflegern, die meine Bettwäsche wechseln mussten, bei Ärzten, die ihre Visite kurz unterbrechen mussten, weil ich mal wieder "anderweitig beschäftigt" war. Bei jedem Besucher, der kam und dessen erster Blick ins Zimmer auf mich traf, wie ich über der Nierenschale hing.

Bei meinen Eltern, denn ich weiss genau, dass meine Mama hart im Nehmen ist, aber bei Erbrochenem kann sie sich eigentlich gleich neben mich setzen. Wohingegen mein Papa, der für den Tag der OP und den folgenden Mittwoch extra runtergekommen war, mir in typischer väterlicher Manier "wenig liebevoll" den Mund abwischte.

Und entschuldigt mal, auch mit 42 Jahren kann man noch jammern, dass man bestimmt sterben muss, wenn man knapp 2 Tage über dem Eimer bzw. der Nierenschale hängt.

Ich verspreche, ab morgen wird es wieder besser!

Montag, 6. Juni 2016

Der große Tag

19. April 2016, 7:00 Uhr. Die Krankenpfleger kamen pünktlich, um mich in den OP zu bringen. Ich stand als erste für denTag auf dem OP-Plan, so viel wusste ich.

Ich war überrascht, wie entspannt ich war. Überhaupt nicht aufgeregt. Und das ganze ohne irgendwelche „Feel-Good-Pillen“. Auf dem Weg nach unten wurde geflachst, beim „Einchecken“ hatte jemand für mich Morgenmuffel viel zu gute Laune. Bei der Anasthäsie-Schwester nochmal alle Fragen beantwortet. Allergien? Nein. Medikamente? Nein. Panikattacken? Nein. Blutdruck und Puls waren normal. Zugänge wurden gelegt und gerade hatten wir noch gesprochen und dann war alles schwarz….

Es war der Tag meiner Magen-OP, eines Magenbypasses, um genau zu sein. Seit dem 29. Juli 2015 hatte ich darauf hingearbeitet.

Das war der Tag meines ersten Besuches in der Adipositas-Sprechstunde im Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Main. Meine Hausärztin hatte mich dorthin überwiesen, nachdem ich dann endlich mal den Mut hatte, sie wegen meines starken Übergewichts um Hilfe zu bitten. 
Nach über 20 Jahren „moppelig-bis-dick-bis-fett-Sein“ hatte ich die Reißleine gezogen. Letzer Auslöser war wohl eine Gewichtszunahme von 15kg in knapp 4 Monaten, die ich beruflich zwischen London und Frankfurt gependelt war und auch teilweise in London gewohnt hatte. Erst kaum noch Sport, dann gar keiner mehr. An manchen Tagen fast gar nichts gegessen, dann wieder 3-4 Mahlzeiten. Unregelmässiger ging es also gar nicht mehr.

Der Anfang der Reise


Am 29. Juli hatte ich also meinen ersten Beratungstermin in der Adipositas-Sprechstunde und erzählte meine Geschichte. Vom Kampf mit meinem Übergewicht, seitdem ich ca. 14 Jahre alt war. Mal mehr, mal weniger, aber schlank nie.

Nach intensiver Beratung über die verschiedenen Opertionsmöglichkeiten habe ich mich für einen Magenbypass entschieden. Die wohl radikalste Methode. 

Aber mir ging es nicht nur darum, weniger Masse zu mir nehmen zu können, sondern auch, meinen Stoffwechsel wieder in die Gänge zu kriegen, indem mein Körper mir sehr klare Signale gibt, was ihm alles nicht gefällt.

Und dann ging der erste Teil der Reise los: Ärzte abklappern und Gutachten einholen. Die Liste war lang: Psychologe, Orthopäde, Gynäkologe, Hausarzt, die Chirurgin, die mich operieren würde, wenn es denn soweit wäre.

Dazu kam alles an Versuchen zur Gewichtsreduzierung, die ich jemals hinter mir hatte. In einem gut sortierten Haushalt geht ja nichts verloren und so trug ich alles zusammen. Bescheinigungen über Ernährungsberatungskurse, Kochkurse, Teilnahme an Kursen im Fitness-Studio. Alles, was mir einfiel wurde zusammen gesucht. Auch, wenn es schon Jahre her war.

Dann im November hatte ich alles. Am längsten hat übrigens das Gutachten meines Orthopäden gedauert. Das war 3 Zeilen lang. Seitdem WAR er mein Orthopäde. Frechheit sowas!

Nicht zu vergessen, mein persönliches Motivationsschreiben. Da musste ich wirklich die Hosen runterlassen. Nur mal so „weil ich schlank sein will“ ging da nicht. Mit all den Papieren ging ich dann wieder ins Krankenhaus, um überprüfen zu lassen, dass ich auch wirklich an alles gedacht habe.

Ich hatte Horrorstories von den Krankenkassen gehört, wenn da etwas fehlt. Wie man dann kämpfen muss. Das wollte ich vermeiden. 

Nachdem ich aus dem Krankenhaus das ok bekommen und dann auch das letzte Gutachten, nämlich das chirurgische erhalten habe, ging der fette Briefumschlag in die Post. Der war bestimmt 2cm dick. 

In dem Moment, als ich den Brief eingeworfen habe, war mir leicht schlecht, muss ich zugeben. Aber jetzt war es zu spät.

Das MDK


Die erste Reaktion der Krankenkasse dauerte nicht lange und war nicht überraschend. Der Antrag ist zum MDK, dem medizinischen Dienst der Krankenkassen, weitergeleitet worden. 

Und auch dort durfte ich dann im Januar 2016 persönlich hin und meine Geschichte nochmal erzählen. Warum man dort allerdings Termine ausmacht, um die Leute dann im Schnitt eine Stunde warten zu lassen, ist mir ein Rätsel. Der erste Kommentar des prüfenden Arztes war „so einen fundierten Antrag habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen“. Tja, wenn ich etwas mache, dann bitte gründlich. Auf Verhandlungen mit meiner Krankenkasse hatte ich überhaupt keine Lust.  

Wieder wurden Puls und Blutdruck gemessen. Dazu ein paar Beweglichkeitsübungen, um zu schauen, inwieweit mein Skelett schon betroffen ist.
Und dann nochmal die Motivation erklären. Also wieder einen Seelenstriptease hinlegen. Und ständig nahm der Arzt dort Notizen. Ich kam mir schon so wie in einem Verhör vor. Der war total nett, aber es ist dennoch ein komisches Gefühl.

Die ganze Untersuchung dauert ca. 1 Stunde und dann sagte er mir „wenn ich mir das alles so angucke. Wir machen das“. Ich muss sparsam geguckt haben, denn er fügte noch hinzu „Sie dürfen sich freuen“. 

Ich antwortete, dass ich mich innerlich total freuen würde, aber irgendwie glaube ich das erst, wenn ich den Schrieb von der Krankenkasse bei mir zu Hause habe. Er lachte nur und meinte, die Krankenkasse schicke mich ja zu ihm, weil sie selber nicht wissen, was sie machen sollen. Von daher könne da gar nichts mehr passieren. 

Aber so richtig realisiert habe ich es erst, als ich aus dem Gebäude raus war. Ich habe irgendwie im Kreis gegrinst und hinterließ erstmal eine Nachricht bei der Familie zu Hause.

Wie ging es weiter?


Dann ging alles ziemlich schnell. Anfang März kam der Übernahmebescheid der Krankenkasse. Jetzt ging der Puls langsam hoch, endlich ging es los bzw. weiter.

Und wieder stand ein Termin im Krankenhaus Nordwest an. Es ging darum, einen Termin für die Operation auszumachen. Die Chirurgin zückte den OP-Plan und meinte „den 12. April kann ich Ihnen anbieten“. Kurz überlegt und sofort habe ich heftig den Kopf geschüttelt. Mir stand eine dreiwöchige Fastenzeit bevor. Bei aller Liebe, aber ich faste nicht über Ostern! 

Also wurde mein Termin auf den 19. April festgelegt.

Über die Fastenzeit erzähle ich Euch als nächstes.


Und ich freue mich über Feedback, Fragen und Kommentare. 

Die Flüssigphase vor der OP

Nachdem die Kostenübernahme der Krankenkasse also da war und ich den OP Termin für den 19. April vereinbart hatte, ging am Dienstag nach Ostern die „Flüssigphase“ zur Vorbereitung los.

Nach Absprache mit der Ernährungsberaterin im Krankenhaus
Nordwest hatte ich mich für das Optifastprogramm entschieden.
Ich hätte die Flüssignahrung auch selbst zubereiten können, aber ich kenne mich ja: je einfacher, desto besser.

Das Optifastprogramm besteht aus 5 Shakes pro Tag. Damit nimmt man die Mindestmenge von 800 Kalorien zu sich. Das ganze sollte sich auf nicht mehr als vier Mahlzeiten pro Tag verteilen. Die Shakes gibt es in sechs Geschmacksrichtungen, aufgeteilt in süß und salzig: Kaffee, Schokolade, Vanille und Erdbeere sowie Kartoffel-Lauch und Tomate.

Die Shakes kosten 2,20 Euro pro Tüte, sind also nicht wirklich günstig, aber mir war es wichtig, dass es für mich so einfach wie möglich war. Besonders am Arbeitsplatz.

Wichtig ist, dass man sich nicht nur auf eine Ausrichtung konzentriert, sondern sowohl süß also auch salzig zu sich nimmt. Zum Verfeinern kann man sich an Zimt, Kardamon, Pfeffer, Schnittlauch etc. bedienen. Man sollte kein Salz verwenden. Das habe ich leider nicht ganz durchgehalten.

Dazu gilt eine Flüssigkeitsaufnahme (Wasser oder ungesüsster Tee) von drei Liter. Damit hatte ich zum Glück überhaupt keine Probleme.

Die Shakes habe ich jeweils für eine Woche im Krankenhaus bestellt. Ich hatte mich für Schokolade, Kaffee, Vanille und Kartoffel-Lauch entschieden. Irgendwie hatte ich es im Gefühl, dass Erdbeere nur fürchterlich künstlich schmecken kann. Eine Woche später sollte mein Gefühl mir Recht geben.

Ansonsten schmeckten die Shakes sogar sehr gut. Bis auf Vanille, aber auch das war zu trinken. Es ging halt.

Dienstag lief alles prima. Morgens etwas Süßes, Mittags etwas Salziges und Süßes, Nachmittags wieder etwas Süßes und Abends etwas Salziges. Leider hatte ich mich zum Ende der Woche mit meiner Bestellung etwas verrechnet, denn für die letzten Tage hatte ich irgendwie nur noch Süßes, das den ganzen Tag ist dann schon gewöhnungsbedürftig.

Dann kam der Mittwoch. Und was soll ich sagen? Ich hatte Hunger. Und zwar von dem Moment an, als ich morgens die Augen aufmachte.

Und das ist vielleicht ein fürchterliches Gefühl, morgens mit sooooo einem Loch im Magen aufzuwachen!

Verhandlungen mit sich selbst


Ich frühstückte zu Hause gemütlich und nahm mir meine Shakes für Mittags und Nachmittags mit ins Büro. Aber der Hunger wurde nicht weniger. Und ich meine nicht so das „ach, ich könnte mal ewas essen“-Gefühl, sondern HUNGER!!!!

Und auf dem Weg von meinem Arbeitsplatz zu meiner Haustür muss ich an vier Bäckereien und drei Lieferdiensten vorbei. Auf dem Heimweg fing ich an, mit mir selbst zu verhandeln: „Barbara, Du hast noch einen Shake übrig, den trinkst Du zu Hause. Wenn Du dann noch Hunger hast, holst Du Dir etwas zu essen“ Innerlich schrie ich mich an, nicht so verflucht vernünftig zu sein. Ich hatte Hunger, verflixt!

Aber meine Vernunft siegte und ich blieb bei meinem flüssigen Abendesssen und noch einem Liter Wasser dazu. Juhuuu.. erste Herausforderung geschafft.

Die nächsten beiden Tage waren allerdings noch schlimmer. Nur hatte ich keinen Hunger mehr, sondern Kopfschmerzen, eigentlich eher eine heftige Migräne. Kopfschmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Lichtempfindlichkeit, alles dabei. Ich konnte kaum den Kopf vom Kissen heben. Es war so schlimm, dass ich mich für die zwei Tage krank melden musste. Ich habe es gerade so geschafft, meine Shakes runterzuwürgen. Dazu brachte ich es vielleicht auf 1,5 Liter, statt auf drei.

Am Sonnabend ging es mir dann viel besser, mein Organismus hatte sich an die neue Nahrung gewöhnt und Hunger hatte ich auch keinen mehr. Wie beim Heilfasten auch, bemerkte ich aber eine Empfindlichkeit was die Zimmertemperatur angeht. Ich saß also jeden Abend unter meine Kuscheldecke.

Die restlichen 2 Wochen verliefen ohne große Ereignisse. Beim Bestellen der Shakes achtete ich allerdings darauf, dass ich 2 salzige Varianten pro Tag hatte und ich bestellte die Tomatensuppe dazu. Auch die ist wirklich lecker, allerdings musste ich etwas nachsalzen. Ich kann zum Abendessen nichts Süßes essen.

Dann kam der Freitag vor meiner Operation. Ich saß zu Hause und auf einmal traf es mich wie der Schlag. Ich würde für die nächsten 3 Monate keine wirkliche feste Nahrung zu mir nehmen können. Und danach nur in Miniportionen. Das war zwar genau das, was ich wollte, aber Moment mal: 3 Monate lang keine Pizza?? 

Ich weiß auch nicht warum, aber ich wurde den Gedanken nicht mehr los und habe zwei Stunden lang mit mir gerungen und mir dann doch eine kleine Pizza bestellt. Asche auf mein Haupt.

Bereue ich es? Nein, überhaupt nicht. Sie war total lecker und war sozusagen mein Abschiedsessen.

Sonnabend und Sonntag gab es wieder 5 Shakes und am Montag Morgen ging es ins Krankenhaus für die stationäre Aufnahme.